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Glücklich leben

So fühlt sich (m)eine Depression an!

Leben mit einer Depression als Mama Südtirol

Ein halbes Jahr ist nun vergangen, seit meinem Zusammenbruch. Und seitdem kämpfe ich täglich gegen meine Depression – und dafür, endlich wieder ein „normales“ Leben zu führen. Ich arbeite an meiner Resilienz, setze mich mit NLP auseinander, meditiere und probiere mich an der Beneficial-Thinking-Methode*. Aber wie fühlt es sich eigentlich an, mit einer Depression zu leben? Der Versuch einer Erklärung.

Depressionen sind wohl etwas, was man kaum in Worte fassen kann. Schließlich hat die Depression so viele verschiedene Gesichter. In wenigen kurzen Worten würde ich es wohl so beschreiben:

Was mir früher einmal Spaß gemacht hat, ist nur noch ein weiterer lästigen Punkt auf meiner To-Do Liste. Mein Alltag fühlt sich so leer und sinnlos an. Alles ist in einen grauen Nebel gehüllt. Ich schlafe bis zu 12 Stunden am Tag und bin dennoch müde. Alles, was über den Tag so machen muss – vom Haushalt über meine Ausbildung bis zur Kinderbetreuung – kostet mich unglaublich viel Kraft und Energie. Ich bin nur am Arbeiten und trotzdem wird die To-Do Liste nur länger und länger. Ich habe ständig das Gefühl, zu versagen, keine gute Mutter zu sein und meine Familie fortdauernd zu enttäuschen. Dabei war ich einmal ein so fröhlicher und glücklicher Mensch.

5. März: Plötzlich war alles anders!

Noch vor einem Jahr hatte ich meine Routine, war mit meiner Ausbildung eingespannt und war zufrieden und ausgefüllt mit dem was ich tue (auch im Tierschutz). Doch dann kam der 5. März: Plötzlich sollte ich die Kinder unterrichten, während ich von Zuhause weiter gearbeitet habe und auch noch meiner nebenberufliche Ausbildung folgen musste. Dazu unsere Pflegehunde, wir als Familie auf engem Raum, die täglichen Konflikte wegen der Schule … Das hat bestimmt nicht nur mich, sondern auch so viele andere Familien getroffen.

Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr allem gerecht werden konnte. Doch anstatt einen Gang zurückzuschalten habe ich versucht, meine Schwäche durch noch mehr Leistung irgendwie auszugleichen. Ich habe mich voller Elan und mit vollem Einsatz in die Tierschutzarbeit gestürzt und habe oft bis spät in die Nacht gearbeitet und geschrieben. Doch, was ich einmal mit Freude und Idealismus gemacht habe, war zu einem Zwang, einem selbst auferlegten Muss, geworden.

Stress, Dauerbelastung und alte Ängste

Ich fühle mich ständig rastlos, setzte mich selber unter Druck, bin lange wach geblieben und habe auch danach nicht zur Ruhe gefunden. Wie oft bin ich nachts aufgewacht, konnte nicht mehr einschlafen und lag oft schon um 4 Uhr morgens wach. Manchmal habe ich gar nicht geschlafen. Die Schlafstörungen habe anfangs auf die verminderten Bewegung geschoben, schließlich mussten wir alle in unseren Häusern bleiben. 

Doch heute weiß ich, ich habe mich über Wochen Tag für Tag ein Stückchen mehr verloren: Ich habe nicht mehr auf mich und mein Bauchgefühl gehört und bin ständig über meine Grenzen hinaus gegangen. Das es mir nicht gut ging so alleine mit den zwei Mädchen zu Hause, dass wollte ich mir nicht eingestehen – und schon gar nicht meinem Umfeld. In unserer Gesellschaft herrsch schließlich wenig Toleranz für Schwächen und Fehler und wir werden nur an dem gemessen, was wir schaffen.

Völlig aus der Bahn geworfen

Im Juli bin ich dann mit beiden Mädels in den Urlaub gefahren- ohne Mann. Ich konnte endlich das Rifugio Oasi Argo in Kalabrien besuchen, so wie es eigentlich für März gedacht war. Es war eine außergewöhnliche Erfahrung – doch danach habe ich nicht mehr richtig in den neuen Alltag zurückgefunden. Ich habe mich gefühlt, als wäre ich nicht mehr richtig präsent: Physisch war ich zwar wieder Zuhause, aber mein Kopf wollte nicht mehr „funktionieren“.  

So ging das über einige Wochen und ich merkte langsam, dass ich trotz der Lockerungen immer unruhiger wurde, wenn ich das Haus verlassen musste. Lieber habe ich mich hinter meinem PC versteckt – oder tagsüber geschlafen, weil ich nachts einfach nicht zur Ruhe finden konnte. Heute weiß ich, dass das Symptome einer Depression sind, aber damals fühlte ich mich nicht krank. Doch ich merkte, etwas war anders.

Diesen Beitrag zu schreiben, fällt mir unglaublich schwer denn ich weiß, auch im Jahr 2021 sind Eltern-Burnout und Depressionen noch immer Tabuthemen. Dabei wäre es so wichtig, offen darüber zu sprechen. Denn eine Depression ist nicht selbst verschuldet, sondern eine Erkrankung, die jeden treffen kann. Gerade wir Mütter werden von der Gesellschaft oft schlecht behandelt: Wir verdienen weniger und unsere Leistungen im Haushalt und in der Kindererziehung werden oft nicht anerkannt. Dabei sind es wir Mütter, die uns durch diese Krise tragen!

Muttersein als Risiko?

Doch ich schweife ab. Über die Ursachen, genetische und gesellschaftliche, habe ich schon im Beitrag „Depressionen gehen uns alle etwas an!“ berichtet. Was letztendlich der Auslöser bei mir war, weiß ich bis heute nicht. Ich denke, es war ein schleichender Prozess – und ich habe es lange nicht bemerkt. Bis dann plötzlich Panikattacken aufgetreten sind und dann ging alles Schlag auf Schlag. Ich habe zwei Wochen nichts mehr gegessen, ich hatte keinen Hunger, ich war ständig unruhig und ich habe mich nicht wiedererkannt.

Dichterin und Autorin Sylvia Plath hat es einmal gut beschrieben:

„Egal wo ich saß – ob auf dem Deck eines Schiffes oder in einem Straßencafé in Paris oder Bangkok –, immer saß ich unter der gleichen Glasglocke in meinem eigenen sauren Dunst.“

Sylvia Plath

Doch ich bin gewillt, zu kämpfen. Wogegen? Ich weiß es nicht. Ich versuche jeden Tag ein Stückchen mehr in eine Normalität zurück zu finden. Schritt für Schritt suche ich nach etwas, was ich verloren habe: meine Unbeschwertheit und etwas Glück. Ob ich das Leben jemals wieder so leicht nehmen kann, dass weiß ich nicht. Aber ich versuche es.

Ich möchte mich heute aber nicht nur damit aufhalten, über mich zu sprechen. Mir ist es vor allem ein Anliegen zu zeigen, was für Auswirkungen die hohen Ideale, die wir Mütter oft selbst an uns haben – die uns aber auch gesellschaftlich begegnen, auf uns haben. Ja, Depressionen haben auch genetische Ursachen; doch sind sie nicht der einzige Auslöser einer depressiven Episode

Zu hohe Ideale an uns selbst

In den letzten Wochen und Monaten habe ich mich viel mit mir selbst beschäftigt und der anfänglichen Glaube, ich alleine sei verantwortlich für meine Depression, hat sich verändert. Ich gebe mir nicht mehr alleine die Schuld für das, was passiert ist.

Natürlich trägt das ständige Übertreten der eigenen Grenzen zu einer Depression bei. Doch sind es wirklich wir selbst, die ständig unsere eigenen Grenzen nicht sehen wollen? Oder trägt nicht auch – oder gerade – die gesellschaftlichen Anforderungen an uns Frauen dazu bei? Der Leistungsdruck, der heute schon an unsere Kinder weitergegeben wird?

Worte können so viel bewirken, Gutes und Schlechtes!

Was glaubst du? – Um wieviel Prozent würden Depressionen und Angsterkrankungen in der Bevölkerung sinken, gäbe es nicht diesen ständigen Leistungszwang? Um wieviel weniger Menschen würden an Depressionen erkranken, wären wir alle freundlicher zueinander und würden einen liebevollen Umgang untereinander und miteinander pflegen? Gäbe es weniger Mobbing an Schulen und am Arbeitsplatz

Ja, es gibt viele individuelle Traumata (und ich selbst habe auch mein Päckchen mit mir zu tragen) und es gibt auch Menschen, bei denen Depressionen organische Ursachen haben: Aber was, wenn endlich die belastende Lebenserfahrungen wie Mobbing, psychische und physische Gewalt, der ständige Leistungszwang und der chronische Stress wegfallen würden?

Das habe nur einige der Dinge, die ich mich in den letzten Wochen häufig gefragt habe. Und bis heute bin ich mir nicht ganz klar darüber, welche unterschiedlichen Faktoren bei mir letztendlich zur Depression geführt haben: War es der Leistungsdruck, den ich mir selbst auferlegt habe (gerade was den Tierschutz angeht, der mir einfach so sehr am Herzen lag)? Das plötzliche Wegfallen von Routinen durch Covid19? Sind es Nachwirkungen des Mobbing, das ich erfahren habe? Oder gar meiner Kindheit?

Corona: Achterbahn der Gefühle

Sicher hat die Corona-Pandemie ihren Teil dazu beigetragen, dass ich in diese persönliche Krise gerutscht bin. Immer mehr Untersuchungen zeigen, dass die psychischen Kosten der Krise quer durch die Gesellschaft nach oben schießen und immer mehr Menschen dem Stress und der Einsamkeit zum Opfer fallen.

Und so habe auch ich mich im Sommer letzten Jahres immer mehr zurückgezogen, habe die Freude an Dingen verloren, die mir sonst so viel bedeutet haben: Die Spaziergänge mit unserer Hündin, die Ausflüge zum Bach … Ich hatte einfach keinen Antrieb mehr und habe schließlich auch gar nichts mehr gegessen. Es war eine harte Zeit – und ich bin immer noch nicht wieder die Alte.

Mit Tagesstruktur aus der Krise

Was mir aktuell hilft ist, mir einen Tagesplan zu machen: Vom Aufstehen über das Zähneputzen und das Mittagessen bis hin zum Abendritual. Das alles halte ich in meinem Lebenskompass Bullet-Journal* fest. Ich habe auch einige Zeit ein Dankbarkeitstagebuch geführt und mich am 6-Minuten Tagebuch* entlang gehangelt. Aber davon habe ich ja bereits im Beitrag „Hast du einen Plan(er)“ ein wenig erzählt.

Ich plane außerdem jeden Tag ein, bewusst nach Draußen zu gehen. Ich gestalte schöne und abwechslungsreiche Spaziergänge mit unserer Hündin und versuche es zu genießen, draußen zu sein und mir die Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen zu lassen. Wenn du übrigens auch ein Krisentagebuch führen möchtest, kann ich dir „Ein guter Winter“ ans Herz legen, dass du hier kostenlos herunterladen kannst.

Lernen, auf sich zu achten!

Es sind kleine Dinge, die für die meisten Menschen wahrscheinlich selbstverständlich sind. Doch mir helfen sie, besser mit meinem Alltag klarzukommen. Ich lerne jeden Tag, mehr auf mich selbst und meine Bedürfnisse zu achten! Denn eines weiß ich: Ich möchte nicht wieder dahin zurück, wo ich vor Monaten war. Die ständige Unruhe hat mich innerlich zerrissen und die Angst vor der nächsten Panikattacke hat mir den Schlaf geraubt.

Ja, bis dahin hatte ich nie Schwäche gezeigt. Mein Leben war totale Hektik – und ich glaubte, dass zu brauchen. Ich verschwendete keinen Gedanken an so etwas wie „Stressmanagement“ und der Druck unter dem ich stand, gehörte einfach dazu. Für Entspannung hatte ich keine Zeit: Völlig durchgeplant zog ich jeden Tag die Punkte auf meiner To-Do-Liste durch, die Tag für Tag länger und länger wurde. 

Sich selbst zu finden, ist harte Arbeit!

Wenn ich das so niederschreibe, merke ich, was das mit einem Menschen macht. Aber damals habe ich keine Gefühle zulassen, einfach nur funktioniert und das ganze System irgendwie zusammengehalten. Nach Außen hin schien das auch zu funktionieren, doch ich geriet schnell in Rage; vor allem wenn es um die Mädchen ging. Das schlechte Gewissen und die Angst, es nicht zu schaffen, wollte ich dadurch wett machen, dass ich noch mehr auf das Gaspedal gedrückt habe. Das war wohl rückblickend keine so gute Idee!

Aber so ist es leider häufig, mit uns Menschen. Gerade mit uns Müttern. Der Druck von Außen, der tägliche Wahnsinn, die Erwartungen von Seiten der Gesellschaft an uns Mütter, gekoppelt mit den eigenen (Selbst-)Ansprüchen und den Idealen und Werten können doch früher oder später nur zum Zusammenbruch führen, wenn wir nicht lernen, uns selber wahrzunehmen. Wenn wir üben, zu Entspannen und auch mal alle fünfe gerade sein zu lassen.

Und wie geht es weiter? Ich kämpfe weiter! Ich versuche, Belastungen zu vermeiden oder anders damit umzugehen. Dazu arbeite ich jeden Tag hart an mir selbst und ich weiß, ich bin trotz allem ein guter Mensch. Zum Schluss möchte ich auch dir ein Zitat an die Hand geben, was mir an manch schwierigem Tag gut getan hat. Es stammt von Dr. Iris Hauth, Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie hat im SWR Nachtcafé „Leben in der Dunkelheit – Volkskankheit Depression“ vom 27.10.2018 folgendes gesagt:

Menschen die zu Depressionen neigen, geben oft 110%, 150% und möchten alles super machen. Sie hören eher auf die anderen, als auf sich selbst. Sie haben ein Helfersyndrom und möchten immer für die anderen da sein. Wenn diese Menschen dann nicht achtsam sind und Stress haben, verfallen sie in eine depressive Episode. Menschen die zu Depressionen neigen, verbinden einige tolle Charaktereigenschaften: Die Gewissenhaftigkeit, Gründlichkeit und die Fähigkeit, mitfühlen zu können und sich um andere kümmern zu können. Nur leider vergessen Sie dabei zu oft sich selbst!

Dr. Iris Hauth

Weiterführende Links:
Corona und Depression: Zwischen Angst und Einsamkeit

Titelbild: Natalia Y on Unsplash

Silvia About Author

Das Leben ist ein Abenteuer, aber durch regelmäßiges Yoga und Meditation komme ich mit Mann, Kindern und Hund meistens ganz gut klar. Und wenn ich mal einen schlechten Tag habe, helfen mir meine kreative Ader und das Schreiben. Was macht dich glücklich?

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